14. Januar 2017

 

Von der Melodika zum Fingerpicking

 

 

Manchmal macht man einige Umwege, bis man endlich auf dem richtigen Weg ist.

Manchmal dauert es auch recht lange, bis man erkannt hat, wohin der Weg gehen soll.

Bei mir hat es sogar lange gedauert, bis ich überhaupt erkannt habe, dass es einen Weg gibt.

 

Ich glaube, die meisten Kinder haben Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre auf diesem fürchterlichen Ding, das sich Melodika nannte, ihre musikalischen Anfänge gemacht. Vielleicht erinnert ihr euch an das Instrument. Es hatte eine kurze Klaviertastatur. Dazu ein Mundstück, für die Anfänger lang und gewinkelt, damit sie ihre Finger im Blick haben konnten, ein kurzes, gnubbeliges für die Fortgeschrittenen und Blinden. Wenn man oben in das Mundstück blies und dazu die Tasten betätigte, kam unten ein furchtbar quäkendes Geräusch heraus, das Großeltern vor Stolz auf die Musikalität ihrer Nachkommenschaft erschaudern ließ. Warum das Ding ausgerechnet Melodika hieß habe ich nie herausgefunden. 

Wir hatten damals sogar Melodika-Unterricht. Einmal in der Woche kam der einzige Musiklehrer der Region. Bei mir war es Herr Rickert, der nicht nur die Kirchenorgel im Dorf spielte, sondern auch Gitarre, Flöte, Klavier und Akkordeon unterrichtete. Aus Kostengründen hatten meist 4 oder 5 Kinder der Nachbarschaft gemeinsam Unterricht. Herr Rickert kam ins Haus. 

Es muss infernalisch gewesen sein, wenn alle Kinder gleichzeitig diese schrecklichen, nicht ganz übereinstimmenden Töne produzierten.

Erwähnenswert an der Melodika ist noch die Sabberklappe, die man öffnen konnte, um die Spucke aus zu blasen. Sagrotan war noch nicht erfunden, aber die blau oder grün marmorierten PVC-Bodenfliesen waren wohl so pflegeleicht, dass sich die Rotze von 5 kindern immer wieder schnell wegwischen ließ.

 

Mein nächster Umweg war die Blockflöte. Unterricht bei meiner Mutter, zusammen mit Heike und Martina aus meiner Grundschulklasse. Das war das Beste am Flöten. Und da meine jüngere Schwester unbedingt auch Flöte lernen wollte, unterrichtete meine Mutter eben die "Große Gruppe" und die "Kleine Gruppe". 

 

Mit Beginn der Realschule kam ich in eine sogenannte Musikklasse. Es gab auch Klassen, die sich mehr mit Handarbeiten oder Hauswirtschaft beschäftigten. In der Musikklasse war die Teilnahme am Singchor Pflicht, außerdem musste man ein Instrument lernen. Entweder Blockflöte in der Schule, Glockenspiel in der Schule, oder ein individuelles Instrument auf eigene Kosten. Ich lernte Violine. Warum auch immer. Es war ein weiterer Umweg.

Den Unterricht bei einem richtigen Geigenlehrer haben meine Eltern teuer bezahlt. Ich weiß nicht, auf was sie dafür verzichtet haben. Mit dem jährlichen Vorgeigen in der Schule war jedenfalls meine Zensur gesichert.

Die folgenden Jahre in der holsteinischen Dorfidylle waren mit Blick auf die Kindheit ideal. Die Jeans wurden mit Borte verlängert bis sie auseinander fielen. man hatte nur ein Paar Sommer- und ein Paar Winterschuhe, Oma strickte kratzige Strümpfe. Für meine musikalisch Entwicklung war eben dieses völlig analoge Aufwachsen weniger hilfreich, denn was es im Dorf nicht gab, gab es gar nicht. Die nächste größere Stadt war Bad Oldesloe, 15 km entfernt. Da gab es eine Bücherei, wenn man mal etwas wissen wollte. 

Der Musikunterricht erfolgte damals dermaßen streng nach Schema F, dass man gar nicht auf die Idee kam, etwas anderes zu wollen. Die Chöre sangen Volkslieder, die Flöten flöteten diese, die Geige war klassisch. Havanagila war exotisch, Rimsky Korsakow war modern. Punkt. Bands gab es noch nicht. Es gab eine Tanzkapelle, den Spielmannszug und die Feuerwehrkapelle. Drei Fernsehprogramme und die NDR-Hitparade im Radio.                 Henning Venske und Gerd Hauke lasen Geschichten im Radio vor, die Sesamstraße war noch original und wurde synchronisiert. Amazon, Internet, Youtube, Wikipedia, Vegan oder Allergie waren noch gar nicht erfunden. Es gab Telefonzellen, das Wort "geil" war noch unflätig.

Die ersten Fragen kamen bei mir erst, als ich die Jazzplatten meines Vaters zu hören begann. Mein Musikgeschmack ließ sich immer schwerer mit dem gängigen Musikunterricht in Einklang bringen, denn leider waren Django Reinhardt und seine geigenden Kumpel im Violinunterricht ein absolutes Pfui. Erstmal richtig spielen lernen, "sowas" könne man dann immer noch machen, hieß es.

Mein Musikinteresse änderte sich von Jazz über Boogie Woogie zu Rock´n´Roll und weiter zum Blues. Dafür war die Geige, so wie ich sie zu lernen hatte, einfach Mist. Glücklicherweise hatte meine Mutter eine alte Konzertgitarre im Schrank, die ich mir irgendwann griff, und obwohl die Gitarre beim eitlen ersten Geiger verpönt war, weil man wegen der Bünde ja nicht mal sauber zu greifen bräuchte, setzte ich mich hin und lernte die Akkorde und spielte "Peggy Sue" und "That´ll be the day". Das war der erste Schritt in die richtige Richtung. 

 

Als Junge, der Geige spielte, war ich das Alleinsein gewöhnt, und so war ich nicht sehr bemüht, mit anderen Leuten Musik zu machen. Ich wollte eigentlich den gesamten Bedarf an Liedbegleitung selber abdecken. Versuche, mit einem Nordmende Kassettenrekorder Aufnahmen zu machen, und diese dann zu begleiten, scheiterten einfach an Allem.

Aber es gab etwas Neues. Etwas unerhörtes. Peter Bursch, Band 1 und 2.  Das Unerhörte war "ohne Noten", denn wie sollte man schließlich ohne Noten Musik machen können?! Inzwischen wissen wir das ja besser.

Durch Peter Bursch kam ich zum Fingerpicking. Ich habe geübt und geübt. Freiwillig. Stundenlang. Ich wollte das unbedingt können. So einen inneren Zwang hatte ich bei der Geige nie. 

Leider war bei Bursch und Co. diese fürchterlich lasche Folkschiene angesagt. Ich finde, Folk á la Peter Bursch ist echte Waschlappenmusik. Kein Pep, kein Drive, kein Dreck. Allein diese weibisch über den Saiten schwebende rechte Hand und das Spielen der Bässe mit dem Daumennagel war schon schwuchtelig. 

Dennoch habe ich durch Peter Bursch viel gelernt. Danke, Peter, du hast mich auf den richtigen Weg gebracht. 

 

1985 war die Zeit der Um- und Irrwege endgültig vorbei. Ich war 19 und noch immer ein ziemlich blöder Junge vom Land. Auf einem Stadtfest in Bad Oldesloe spielte ein Typ, den ich vom Namen her schon kannte: Abi Wallenstein

Er spielte im Duo mit Lars Louis Linek, einem Bluesharper. 

Abis Gitarrenspiel war für mich die musikalische Offenbarung. Er hatte einen unglaublichen Drive. Die Basslinien waren knackig, perkussiv und unheimlich akzentuiert. Dazu gab es Akkorde und Läufe, die sich ineinander zu verdrehen schienen. Elektrisch. Mit einem mordsmäßigen Sound. Mit Dreck und Rotz. Abi war  die komplette Band. Das war DAS Fingerpicking. So sollte es werden. 

 

Ich bin sehr stolz darauf, bei Abi gelernt zu haben. Er brachte mir geduldig bei, wie man die Saiten mit dem Ballen der rechten Hand dämpft und die Bässe mit der Daumenkante spielt. Wie man die Betonung allein mit dem Daumen gestaltet. Wie man mit dem Zeigefinger rythmische Akzente setzt und sich dabei noch Freiräume schafft für Licks und Läufe. Open Tunings, Bottleneck. Außerdem lernte ich durch Abi alle möglich tolle Musiker kennen. Dick Bird, Henry Heggen, Gottfries Böttcher, Ulli Kringler und unzählige weitere. Es war das musikalische Paradies. 

 

Die ersten 10 Jahre, nachdem ich Abi kennengelernt hatte, könnte man damit beschreiben, dass ich Alles versuchte, so zu klingen wie Abi Wallenstein.

Die nächsten 10 Jahre tat ich alles, um nicht mehr so zu klingen wie Abi Wallenstein

Nun, noch 10 Jahre weiter, ist klingen zu wollen wie irgendwer kein Thema mehr für mich. 

 

An meinem Fingerpicking arbeite ich noch immer leidenschaftlich, denn es gibt so unendlich viel zu entdecken auf diesem wunderbaren Instrument mit 6 Saiten. 

Glücklicherweise tat sich hinter jedem erreichten Ziel ein neues auf, und ich genieße die Reise. 

 

Danke fürs Lesen.

Euer Jansson