22 Juni 2017

 

Flop oder Top?

 

 Manche Auftritte, die man als Musiker so hinter sich gebracht hat, waren tolle Erlebnisse. Man durfte in schönen Locations spielen, der Sound war toll, die Mitmusiker großartig, das Publikum begeistert. Alles hat funktioniert, nach dem Spielen ist man zufrieden und wohlig ausgepowert. Balsam für die Seele. In der Erinnerung werden solche Auftritte zu Highlights, an denen die späteren Gigs gemessen werden.

 

Es gibt auch die Auftritte, bei denen soweit alles recht solide läuft. Man war nicht wirklich gut, konnte seine Schwächen aber durch Routine oder Lautstärke wettmachen. Vielleicht war die Bühne nicht optimal, oder man selber war einfach müde vom Tag oder von der Anreise. Solche Gigs bezeichnet man später gerne als „Probe mit Publikum“. Man redet sich die man sich die Sache nachher gerne schöner, als sie war. „Wir waren ja nicht wirklich schlecht, aber…“

 

Dann gibt es noch die Auftritte, die so richtig scheiße waren. Kennt jeder, vermute ich. Diese üblichen Dinger zum Brunch im dörflichen Lokal, wo das Publikum sich eigentlich nur beim Frühstück unterhalten will, und der Wirt kleine Zettel auf den Bühnenrand legt, wo drauf steht: “Der Tisch soundso hat sich über die Lautstärke beschwert. Bitte leiser“ . Oder wo man als akustisches Blues-Trio als Opener für eine Techno-Nacht in Buxtehude gebucht wurde. Naja, das zieht man irgendwie durch und ist froh, wenn die anderthalb Stunden endlich Vergangenheit sind. Man hakt das als Erfahrung ab und versucht, sich die Gigs in Zukunft besser auszusuchen. Mit wechselndem Erfolg.

Manchmal aber entwickeln Auftritte sich aus unterschiedlichsten Gründen derart katastrophal, dass sie eigentlich ein Totalschaden waren, aber aufgrund ihrer Kuriosität wenigstens zu einer guten Geschichte werden, die man gerne an Stammtischen zum Besten gibt. Oft erinnert man sich erst im Gespräch mit Freunden an solch alte Geschichten.

 

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein Brunch irgendwo in Norddeutschland. Wir sollten da zu dritt spielen. Zwei Gitarren, Martin Friedestab und ich, und ein Bluesharp-Spieler. Ich glaube, es war Körrie Kantner. Soweit alles wie immer. Putzig war nur, dass wir nicht in dem Raum spielen sollten, in dem gebruncht wurde, sondern in einem Nebenraum, der durch eine Glasscheibe vom Schankraum abgetrennt war. Das Publikum konnte uns also sehen, aber kaum hören. Das war vom Veranstalter so gewollt, denn die Leute sollten ja in Ruhe essen können. Drollig, nicht wahr? Haben wir eben nebenan gespielt, um nicht zu stören.

 

Lustig ist es auch oft, wenn sich Musiker auf der Bühne verletzen. Das habe ich auch schon geschafft. Bei einem Gig mit einem versoffenen Bluesharper wollte ich nach einem Stück die Gitarre wechseln. Also hoch mit der Blech-Dobro, Gurt über den Kopf geschoben, nächste Gitarre. Leider war der Gurt etwas kurz, darum habe ich mir in der Hitze der Scheinwerfer und Enge der Bühne den Korpus der schweren Resonator gegen die Stirn geschlagen. Das habe ich zuerst gar nicht als schlimm empfunden. Beim folgenden Stück dann mit der anderen Gitarre ordentlich losgelegt, gesungen, geschwitzt, den Schweiß aus der Stirn gewischt, kleine Scherze mit dem Publikum gemacht und so. Die Leute guckten schon so komisch, und ich dachte: „ Wow, denen gefällt aber, was ich mache“ und habe mich ordentlich ins Zeug gelegt. Dann nuschelte der Mundharmonika-Spieler plötzlich: „Du blutest“. Tatsächlich hatte ich mir an dem blöden Blechrand der Gitarre die Stirn so richtig schön aufgeschlagen, und das ganze Blut hatte ich zusammen mit dem Schweiß im Gesicht verteilt. Peinlich. Boogie bis das Blut fließt. Nichts für Memmen.

 

Absoluter Spitzenreiter meiner merkwürdigen Auftritte sind meine 30 Minuten TV-Ruhm. Damals wurde gerade das Band Net in Hamburg neu gegründet, und der Initiator des Ganzen, Matthias, seinen Nachnahmen weiß ich leider nicht mehr, sollte im Hamburger Frühstücksfernsehen seine Sache vorstellen. Wir, Martin Friedenstab an der Gitarre, Alex Kiausch, Bluesharp, und ich sollten als Beispielband dienen und in der Sendung für das Band Net spielen. Es ging also nicht um uns, sondern eben darum, das Band Net vorzustellen. Wir sind dann ganz früh am Morgen im Studio aufgeschlagen. Es war wirklich furchtbar früh, und wir waren alle recht zerknittert. Da saßen wir zwischen Nachrichtensprecher, Wetterfeh, Kameras und Moderatoren und warten gespannt auf die Dinge, die da kommen sollten. Es gab auch irgendwelche Damen in Brautkleidern, die für die Brautmoden werben sollten, und ich erinnere mich an andere Frauen, die Kochrezepte verbreiten wollten. Dann kam der Moderator im straff gestärkten Anzug zu uns, wirkte ein wenig desorientiert mit seinen vielen handbeschriebenen Zetteln, und befragte uns, wer wir denn wären und was wir so machen würden. Es wurde ganz klar gesagt, dass der Band Net Matthias die Hauptperson sei, und dass auch nur er etwas zu erzählen habe. Der Moderator hat sich das alles notiert, blickte aber immer wieder unschlüssig zu mir, und ich hatte schon das Gefühl, dass da etwas nicht ganz rund läuft. Darum habe ich dem Mann noch einmal auf Matthias hingewiesen. Außerdem wusste ich, dass ich vor den Kameras wohl nur dummes Zeug stammeln würde, und habe dem Moderator ausdrücklich gesagt, dass er auf gar keinen Fall mich ansprechen sollte. Das würde schief gehen, habe ich ihm gesagt. Wieder eine Notiz auf einem der Zettel, die Sendung begann. 5 Uhr morgens.

„Guten Morgen liebe Zuschauer…“, Nachrichten, das Wetter usw. Dann die Bräute, Werbung und der ganze übliche Talk im Frühstückfernsehen. Kameras. Kabel, Mikrophone, und das Gefühl, immer im Weg zu stehen. Dann sollten wir ein Stück spielen. Die Technik war simpel: Wir spielten über so kleine Batterieverstärker von Lectrosonics, sie hießen Mouse und im besseren Fall Maxi Mouse. Gesungen wurde ohne Mikro, direkt live ins Studio. Kein Problem, das erste Stück, Big Boss Man oder so, lief gut, Applaus von allen Anwesenden. Dann wühlte sich der Moderator durch seine Zettelage, blickte verwirrt von Matthias zu Alex, dann zu Martin, dann zu mir. Ich konnte sehen, wie sich seine Gedanken überschlugen, ich sah das Übel praktisch schon kommen, und versteckte mich vorsichtshalber hinter dem groß gewachsenen Martin Friedenstab. Es half alles nichts, das Unheil nahm seinen Durchlauf. Unaufhaltsam. Der Anzugmann setzte eine entschlossene Miene auf, lächelte routiniert in eine der Kameras, und stratzte zügig genau auf mich zu. Die Kamera musste einen leichten Bogen fahren, weil ich noch hinter Martin zu entkommen versuchte, aber mit der Gitarre und dem Gitarrenkabel hatte ich da keinen großen Spielraum. Der Moderator rammte mir sein Mikro vor's Gesicht, machte irgendeine joviale Geste, und fragte mich: „So, mein Guter, was haben denn nun Blues und Computer miteinander zu tun?“

Ich schwöre, es tut mir heute noch leid, dass ich den armen Mann im Folgenden so habe auflaufen lassen. Damals, schüchtern, wie ich war, hatte ich in meiner Unbeholfenheit einfach keine andere Möglichkeit, als zu sagen: „Das weiß ich doch nicht. Da musst du den da fragen“, auf Band Net Matthias deutend. Da meine Mutter mir immer gesagt hatte, dass ich, wenn ich auf einer Bühne stehe, laut und deutlich sprechen soll, damit man mich auch versteht, habe ich genau das getan. Später habe ich eine Videoaufzeichnung des Dramas gesehen: Ich habe sehr laut und deutlich gesprochen. Naja. ich wurde nicht weiter gefragt, der Anzug schlich zaghaft zu Band Net Matthias, der durfte noch einige Fragen beantworten, aber irgendwie war die Luft raus. Entspannte Talk-Stimmung wollte so recht nicht wieder aufkommen. Einen Song zum Abschluss, Werbung, fertig.                                                       Da kann man mal sehen, wie wichtig gute Recherche ist. Und eine akkurate Zettelwirtschaft. Die Sendung wurde, wie üblich, eine ganze Woche lang, jeden Mittag und jeden Abend spät wiederholt. Immer mit meinem „Weiß ich doch nicht“.

Leider hat sich danach für mich nie wieder die Gelegenheit ergeben, im Fernsehen zu spielen. Ist vielleicht auch ganz gut so.

So war das mit den kuriosen Auftritten. Es gibt noch viele andere, aber die meisten werden als Geschichte nur ein kurzer Drei-Zeiler. Die hebe ich mir auf für die Gelegenheit, wenn wir mal ein Bier zusammen trinken und über alte Zeiten schwadronieren.

 

 

Vielen Dank fürs Lesen

Euer Jansson