Sie sind überall

                                                                 16. Mai 2017

 

Sie sind überall

 

Was macht der Gitarrist, wenn er ein neues Instrument braucht? Ein neues Pedal? Einen neuen Amp? Logisch: Draufklicken. Spätestens übermorgen wird das Teil geliefert. Frei Haus, bei Nichtgefallen Geld zurück.

Das Angebot ist unendlich in seiner Vielfalt, kaum eine Ware ist je vergriffen, zu groß ist dafür die Zahl der Anbieter.

Das ist eigentlich toll. Wie ein grenzenloser, unendlicher Einkaufsbummel, ohne Schlangestehen, ohne Anfahrt, zu jeder Tages- und Nachtzeit, bequem vom heimischen Sofa aus in die Warenhäuser der ganzen Welt. Klick dir die Welt ins Wohnzimmer.

Für den besagten Gitarristen ist die allererste Anlaufstelle meist der große T.

Man muss sagen, dass bei T. der Service wirklich über jeden Zweifel erhaben ist. Der Versand klappt vorbildlich, Rücknahmen laufen problemlos. Die Waren werden sehr gut beschrieben, das Angebot ist vielfältig. Die Preise sind auch ok, soweit ist alles gut. Es gibt ja auch noch diverse andere Onlineshops, bei denen man ähnlich gut bedient wird, aber T. ist auf jeden Fall einer der größten und besten. Ich kaufe selbst auch einige Sachen bei T.

 

Was mich zunehmend stört ist die Allgegenwart dieser Onlineriesen. Dass sie immer lauter und aufdringlicher ins Leben schreien. Dass sie unmittelbar zielgenau auf jede kleinste meiner Onlinebewegungen reagieren.

„Das folgende Produkt könnte sie auch interessieren“.

Es gefällt mir nicht, dass T. und Konsorten sich immer schneller und schriller in meinen Alltag drängen. Ich brauche nur mal einen Artikel anzusehen, nicht mal auf irgendeine Liste zu setzen, und zack werden mir auf meinem Facebook Profil eben dieser Artikel inklusive sämtlicher seiner Entsprechungen präsentiert. Gleich mit Link zur Kasse natürlich.

Plus Email.

Wie die Verkäufer an der Haustür, die, den Fuß in der Tür, solange auf dich einreden, bis du endlich einen Packen ihrer kitschigen, von einer blinden Künstlerin mundgemalten Grußkarten kaufst. Ich fühle mich davon bedrängt.

Dieser ewige Wir-werben-dich-in-die-Flucht-Rummelplatz belästigt mich. An meinem Geburtstag schrieb Google auf meiner Startseite: „Herzlichen Glückwunsch Jansson“.

Ich frage gar nicht, woher die das wissen. Ich bin ja selber schuld, wenn ich mich hier und da registriere. Dennoch, es ist irgendwie schrecklich.

Öfters habe ich mich schon dabei ertappt, dass ich Angebote verschiedener Händler gar nicht mehr vergleiche. Da ich sowieso schon sieben Werbe-Banner von T. auf der aktuell geöffneten Web-Site habe, gehe ich eben schnell da gucken. Wenn ich schon da mal da bin…

Es wird immer schwieriger, nicht dem Irrglauben zu verfallen, dass es, was T. nicht anbietet, gar nicht gibt. Mein Kaufverhalten hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Das ist unheimlich. Wer weiß, welche Veränderungen an mir ich noch nicht bemerkt habe.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie bitte ihren Arzt oder Apotheker.

Aber was wissen die schon? Die spielen ja nicht Gitarre. Die haben auch kein G.A.S.

 

Je älter ich werde, je mehr T. und seine Mitbewerber sich gebärden wie die Marktschreier, desto mehr wende ich mich von ihnen ab. Desto mehr suche ich abseits dieser hektischen, überfüllten Werbe-Autobahn nach alternativen Bezugsquellen für meinen gitarristischen Bedarf. Inzwischen fahre ich sozusagen ganz gemütlich über die Landstraßen. So lande ich dann ganz entspannt zum Beispiel bei Felleretta, wenn es um Verstärker geht. Bei Benzville, wenn es um Gitarren geht. Saiten kann man direkt bei Pyramid bestellen. Die Leute dort sind übrigens echt nett. Effekte, Kabel und sonstiges Zubehör bekomme ich in der Effekt Boutique. Auch ein Blick bei Guitar Wash lohnt sich immer. Nicht an letzter Stelle steht mein örtlicher Musikhändler. Richie heißt er. „Musst du unbedingt mal probieren. Nur mal antesten“ sagt er, und schwupps habe ich wieder eine neue Gitarre.

Man muss nur mal gucken, dann findet man ganz fantastische Möglichkeiten, sein G.A.S. zu befriedigen oder seinen Bedarf zu decken. Auch ohne T., ohne A. und ohne G.

Dabei entstehen dann ganz nebenbei großartige Netzwerke zwischen Herstellern, Händlern und Musikern. Komplett analog. Und keine dieser Quellen presst mir Tag und Nacht ihre Botschaft ins Hirn. Da heißt es einfach: „ Hallo, schön, dass du da bist. Möchtest du einen Kaffee? Vielen Dank, bis zum nächsten Mal“. Original True Bypass.

Preislich sind die Unterschiede meistens übrigens gar nicht so groß zwischen diesen stilleren Anbietern und den platzhirschenden Marktschreiern. Man kennt sich ja.

Sollte ich übrigens mal unbedingt das eine Pedal brauchen, das zufällig nicht am Lager ist, ruft Andy mich an, sobald es verfügbar ist. Dann kriege ich eben noch einen Extra-Kaffee.

Und ganz ehrlich: Ich bin noch nie gestorben, weil ich mal eine Woche auf ein Pedal warten musste.

 

Vielen Dank fürs Lesen

Euer Jansson