05. Februar 2017

 

Auf den Hut gespielt

 

Als ich in den 90er Jahren in Norddeutschland Musik machte, war auf keinen Fall alles besser, aber es war irgendwie einfacher.

Wir sind zu zweit oder zu dritt abends unter der Woche  durch die Hamburger Kneipen gezogen und haben in jeder 15 bis 20 Minuten Musik gemacht. Auf den Hut. Wenn die Musik gefiel, wurde direkt vor Ort ein Gig vereinbart. Gleich mit Termin und Gage. Handschlag, Bierchen, fertig.

Die Gagen waren natürlich nicht üppig. Wir sprechen von Kneipen, in denen, wenn es hoch kam, 60, 70 Gäste Platz fanden. Aber es war unkompliziert und ehrlich. Die Wirte haben auch unverblümt gesagt, wenn es ihnen nicht gefallen hat. Bierchen gab es trotzdem, inklusive kluger Ratschläge von Wirt und Gästen. 

Da ich seit 2000 bei Stuttgart lebe, weiß ich nicht, ob das in Norddeutschland noch so funktioniert. Vielleicht das auch schon lange vorbei.

Jedenfalls ist es heutzutage viel schwieriger geworden, Veranstalter zu finden, die sich mit so Kleinkram abgeben wollen. Ich finde in diesem Zusammenhang ja "Veranstalter" schon übertrieben. Es geht ja immer noch um kleine Kneipen und Kulturvereine.

Es wird gerne so getan, als ginge es um Big Business. Aber meine Güte, ich bin nicht John Lee Hooker, und die Kneipe in der schwäbischen Provinz ist nicht das Olympia Stadion. 

Auch das Wort Gage finde ich etwas irreführend. Im Normalfall geht es um Beträge bis, sagen wir mal großzügig, 300 Euro. Geteilt durch die Anzahl der Beteiligten, minus Anschaffungen und Wartung der Instrumente, An- und Abfahrt...

Ihr wisst, was ich meine. 

Dazu kommen manchmal so irrwitzige Forderungen wie Plakate. Da soll dann der Künstler 15 große Plakate zwei oder drei Wochen vor dem Gig liefern. Druck und Versand gehen dann auch noch von der Gage ab, und es werden sowieso nur zwei oder drei Stück ausgehängt. Eines im Laden neben dem Klo, eines an der örtlichen Tanke, eines verregnet an der Eingangstür der Kneipe. Aber wir haben mal auf "große Bühne" gemacht. 

  

Versteht mich nicht falsch. Ich beklage mich nicht.

Kunst ist es, mit dieser Situation umzugehen und trotzdem mit Freude und Leidenschaft seine Musik einem Publikum vorführen zu können. 

 

Die Veranstalter nölen, sie hätten doch sowieso kein Geld, und die Gema und die Steuer und der Staat und die Merkel... 

Mein Tipp: Lebensmodell überdenken. Vielleicht dazu noch eine kleine Anti-Heul-Therapie. 

Das Problem ist offensichtlich:

In den kleinen Läden reicht einfach das Geld nicht für Veranstaltungen mit großen, angemessenen Gagen. Fertig. Mit oder ohne Heulen.

 

Was können wir als Halbprofi, Hobbykünstler und Laienblueser also tun?

Nichts? Ebenfalls rumjammern, dass die Welt so schlecht ist? Leiden? Kostenlos spielen?

Ist alles schön bluesig und so, aber ziemlich dämlich und nicht hilfreich. 

 

Hier offenbaren sich entscheidende Vorteile des Lebens mit Brotberuf:

 

Ich will zwar Geld mit meiner Musik verdienen, muss aber eben nicht davon leben.

Ich kann zwar keine Supergagen verlangen, aber ich kann mir sehr komfortabel aussuchen, wo ich spiele. 

Um mich spielwillig zu machen muss es entweder irre viel Geld geben, oder die Veranstaltung  muss mir wirklich Freude machen. Soll heißen, dass ich mich einfach wohl fühlen will beim Musikmachen. Meistens spiele ich nicht für irre viel Geld. 

 

Und ich fordere gar keine Gage mehr.

Ich spiele am liebsten auf den Hut. 

Ihr wisst nicht, was das bedeutet? Ist einfach. Man spielt, und dabei lässt man einen Hut im Publikum herum gehen, in den jeder Gast die Summe zahlt, die ihm angemessen scheint. Wie Straßenmusik. Und schon sind wir wieder bei "unkompliziert und ehrlich". 

Die Gäste kommen zu der Veranstaltung, zu der sie vielleicht nicht gekommen wären, wenn es Eintritt gekostet hätte, der Wirt bleibt nicht allein auf den Kosten sitzen, ich kann einfach spielen und bekomme Geld dafür.

Ich gehe nicht mal selber mit dem Hut durch das Publikum. Der Hut wird nach ausgiebiger Ankündigung einfach von Gast zu Gast weiter gereicht. Damit habe ich noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. 

Im Rahmen bis vielleicht 100 Gäste ist das problemlos möglich. 

Wenn ein Spielort weiter weg ist, vereinbare ich mit dem Wirt manchmal eine kleine Festsumme, damit meine Fahrkosten auf jeden Fall gedeckt sind. 

 

Der Rest ist ein geteiltes Risiko. Und warum auch nicht? Es gibt ja keinen Grund, dass Veranstalter oder Künstler das ganze Risiko alleine tragen sollen.

Wie gesagt geht es um Kleinkunst. Nicht um Stadien.

 

Manchmal haben Veranstalter eine recht hohe Gage bezahlt, aber es kamen viel zu wenig Gäste. Das ist dann völlig bescheuert, denn es nützt mir nichts, wenn ich einmal eine hohe Gage bekommen habe, aber in dem Laden nur noch schwer einen weiteren Auftritt bekomme. 

 

Probiert das mit dem Hut ruhig mal aus. Im Rahmen der Kleinkunst lassen sich die meisten Veranstalter gerne darauf ein, keine Festgage zu zahlen und keinen Eintritt zu verlangen.

Und habt Vertrauen zu eurem Publikum. Wenn ihr gut seid zahlen die Leute freiwillig oft mehr, als wenn sie Eintritt zahlen müssten.

 

 

Danke fürs Lesen

 

Euer Jansson