Samstag Nachmittag bei Felleretta

                                                                                                                                             13. März 2017

 

Samstag, 14 Uhr  in Leonberg, Baden Württemberg. Andreas Feller hat sich Zeit genommen für einen Klönschnack mit mir. Da die Öffnungszeiten schon vorbei waren, konnten wir uns ungestört unterhalten.

Wir saßen an einem alten Nierentisch inmitten verrückter Verstärkergebilde und witzigem Gitarrengedöns.

Andreas fing auch gleich zu erzählen an.

Davon, wie er 1983 in Stuttgart West mit einem Gitarrenladen anfing.

Davon, dass er schon immer Musik gemacht hat.

Mit der Dobatz Bluesband, später mit dem Nesenbach Trio. Ein Zufall, dass der Bluesharper des Trios, Matthias Weidle, seit über 10 Jahren mit mir zusammen das Blues Duo „Mojo Oil“ ist.

Davon, dass er mit Stefan Hiss unterwegs war, und von dem erhebenden Gefühl, als „richtiger“ Musiker mit Plattenvertrag und allem Pipapo in ganz Deutschland gebucht zu sein.

Andreas Feller ist Bj. 62, verheiratet, Vater von 4 Kindern. Dementsprechend steht das Touren als Musiker nicht an erster Stelle in seinem Leben. „Die Kinder kommen immer zuerst“ sagt er. „Das ist nun mal so, und das ist gut so.“

Er macht noch immer Musik. Bei der „Kleinen Tierschau“ mit Michael Gaedt und Michael Schulig hat er die Gitarre gespielt, seit 2 Jahren ist er Gitarrist bei den „Roll Agents“, einer Elvis Show mit dem „besten Elvis Deutschlands“. Die Musik mag er, „Love Me Tender“ spielt man eben mit einem kleinen Augenzwinkern, dann macht das auch Spaß.

Der Fokus von Andreas liegt aber eindeutig auf dem Verstärker-Kaufhaus Felleretta.

 

Manchmal vergessen sie, bei grün wieder loszufahren

 

 

Erst vor wenigen Monaten ist Felleretta umgezogen. Einfach nur eine Straße weiter, aus einer kleinen Gasse, die für Autos gesperrt und für Fußgänger zu unbedeutend ist, um sie überhaupt zu betreten, in einen Laden direkt an der Hauptstraße. Erst dachte ich, dass hier ja wohl auch nur wenig Laufkundschaft zu finden ist, und dass der Autoverkehr auch nicht gerade viele Kunden beschert. Aber weit gefehlt. Es laufen ständig Fußgänger an den Schaufenstern vorbei, und 10 oder 15 Meter weiter die Straße herunter ist eine große Ampelkreuzung. „Wenn rot ist, warten die alle vor meinem Laden“ sagt Andreas. „Und manchmal vergessen die dann einfach, bei grün wieder loszufahren“.

Die Schaufenster sehen aber auch echt lecker aus.

Da sind schrill bunte Gitarren, alte wie neue Instrumente, eine alte Lambretta, irrwitzige Verstärker, Boxen von riesig bis winzig, und tausend weitere verschiedene Kleinigkeiten zu sehen. Draußen neben dem Schaufenster ist der Korpus einer alten Les Paul mit halbem, abgebrochenen Hals an die Wand geschraubt. Man muss einfach hingucken, selbst wenn man kein Musiker ist. Die Blicke werden von den Exponaten magisch angezogen.

 

Alles, was nicht schnell genug wegrennt, wird ein Röhrenverstärker

 

Vor gut 10 Jahren fing er an, Röhrenverstärker zu bauen.

Andreas erzählte, wie es dazu kam: Er wollte damals unbedingt einen Marshall haben, aber es gab gerade einfach keinen passenden. Darum bestellte er sich einen Bausatz und fing mal an zu basteln. Nach einigem Lesen und Lernen, vielen Fehlern und noch mehr Probieren funktionierte der Amp dann auch ganz gut. Nun musste bloß noch ein würdiges Gewand her, fand Andreas. Also wurde das erste Felleretta-Gehäuse gebaut, mit passender 3x12 Box dazu. Dieser allererste Felleretta-Amp steht noch immer im Laden, und Andreas zeigte ihn mir voller Stolz.

In Lebensgröße sieht diese Kombi wahrlich bombastisch aus. Andreas hat mir gezeigt, wie er sogar das Holz für die Gehäuse selber biegt, was mich als alten Handwerker schwer beeindruckt hat. Beim nächsten Mal werde ich den Boliden hoffentlich mal probieren können, dazu bin ich nämlich irgendwie gar nicht gekommen, vor lauter Schnacken.

Die Spezialität von Andreas Feller sind die außergewöhnlichen Designs seiner Verstärker. Als Gehäuse wird dabei eigentlich alles verwendet, was dem Bastler so unter die Finger kommt, zum Beispiel alte Heizlüfter, Brotkästen, elektronische Messgeräte, Toaster und so weiter. Dazu kommen die ganz eigenen Kreationen aus Metall, Holz und Kunststoff. Vor dem Mann ist wirklich nichts sicher. Alles, was nicht schnell genug wegrennt, wird ein Röhrenverstärker.

„Komisch ist“ sagt Andreas, „dass die Leute meine Bauwerke zwar bewundern und auch ganz schick finden, aber letzten Endes doch lieber zu einem langweiligen, schwarzen Kasten greifen“. Dabei sind die Felleretta-Amps absolut road- und bühnentauglich, wie er aus eigener Erfahrung weiß. Schließlich spielt er seine Verstärker ja auch selber.

„Die Bassisten sind noch etwas offener für extravagante Verstärker Designs als die Gitarristen“ verrät Andreas. Merkwürdig, oder? Ich persönlich vermute, dass die Bassisten es einfach gewohnt sind, größere Anstrengungen zu unternehmen, um auf der Bühne überhaupt irgendwie wahrgenommen zu werden. Das allerdings wollte er mir nicht bestätigen. 

Die Verstärker baut und konstruiert Andreas natürlich auch selber. Aus besten, bewährten Zutaten werden die Schaltungen PTP sauber verdrahtet und verlötet.

Für den Soundsucher ein wahrer Genuss. Man kann am Samstag Vormittag oder zu einem vereinbarten Termin ins Kaufhaus kommen und sich aus der Unmenge an vorrätigen Verstärkern einen passenden heraussuchen. Man kann aber auch, und das ist meine Empfehlung, sagen: “Ich brauche einen Verstärker, der soll das und das können, und er soll in dieses oder jenes Gehäuse.“ Dann fängt Andreas im Geiste sofort an zu konstruieren und zu planen. Das macht dann richtig Spaß, denn Andreas bezieht den Kunden in den Planungsvorgang mit ein. So entsteht dann eine Idee zu einem Verstärker, der für den Kunden maßgeschneidert ist. Das ist echt Custom.

Der Öffentlichkeit zugänglich werden die Felleretta-Kreationen hauptsächlich über Ebay, Homepage, Facebook und sonstige soziale Netzwerke. „Reviews im Youtube sind eine der besten Verkaufshilfen“, erzählt Andreas. Das ist wohl so, denn er hat fast keine Rückläufer zu verzeichnen. Immerhin werden die Fellerettas inzwischen weltweit vertrieben.

Absoluter Bestseller ist ein 5Watt Combo. Von Felleretta entwickelt, von Career gebaut. EL84 Endstufe, 1x12 Speaker nach Wahl. Gibt es im schicken Tweed und in schwarz. Hätte ich nicht gerade ein anderes Projekt im Hirn herumspuken gehabt, hätte ich mir so einen kleinen Combo sofort eingepackt. Kann ja noch kommen.

Das Angebot im Verstärker-Kaufhaus Felleretta ist wirklich allumfassend. Zum Verkauf stehen alle möglichen Arten von Saiteninstrumenten, hauptsächlich natürlich Gitarren. Dazu kommen Gurte, Kabel, eben alles, was der Musiker so braucht. Als größtes Angebot stehen auf jeden Fall die Felleretta-Amps. Außerdem gibt es Eastwood und Italia Gitarren, die von Michael Schulig (Musicolor) ,einem alten Musikerfreund von Andreas, angeboten werden. Dazu gibt es von Schulig alles, was bunt ist. Das passe, so sagt Andreas, hervorragend zu dem Angebot von Felleretta.

.Achja, es gibt auch einige Pedale. Die besten von denen leben natürlich auch in fellerettaesken Gehäusen. Gut für den nächsten GAS-Anfall ist das Spardosen-Overdrive. Muss man gesehen haben.

Natürlich werden neben dem Verkauf auch Reparaturen und Wartungen aller Art angeboten. Verstärker, klar, aber auch Instrumente werden hier dem nötigen Heilungsprozess zugeführt. Wahrscheinlich repariert Andreas auch Toaster, wenn es Not tut. Bei Aufträgen, die seine Kapazitäten übersteigen, kann er auf ein funktionierendes Netzwerk kompetenter Partner zugreifen. Für Gitarrenreperaturen ist Eyb ein Beispiel.

 

Ähnlich wie Andy Ebsen in der Effekt-Boutique gibt sich auch Andeas Feller im Kaufhaus Felleretta recht zufrieden mit seiner momentanen Situation. Die Auslastung stimmt, viel mehr könne er gar nicht wuppen, sagt er. Wildes Expandieren ist auch sein Ding nicht, er könne von dem Laden leben und hätte außerdem noch Zeit, Musik zu machen. Die übliche Frage, wo er sich in 5 Jahren sieht, beantwortet Andreas mit einem klaren „Hier. In meinem Laden“. Mir imponiert es immer, wenn Menschen ihren Platz gefunden haben und zufrieden sind.

 

Ein Männertraum-“Da kannsch Lechle mit mache“

 

Mein Besuch im Verstärker-Kaufhaus Felleretta (der Name ist übrigens einfach die Zusammenführung von Feller und seiner Vorliebe für italienisches Design) wurde dann noch auf besondere Art interessant, denn zu Besuch kam der Vermieter. der mir einfach als „Hermann“ vorgestellt wurde. Hermann ist ein alter Flaschner. Ihr wisst nicht, was ein Flaschner ist? Nun, in anderen Teilen der Bundesrepublik nennt man ihn Klempner, Spengler oder, moderner, Installateur. Ein alter Handwerksmeister, der seine Werkstatt als Museum bezeichnet. Das Beste ist, dass Andreas diese alte Werkstatt benutzen darf, mit allen sich darin befindlichen Werkzeugen und Maschinen. Mir wurde die Ehre zuteil, diese heilige Halle besichtigen zu dürfen. Ganz ehrlich: Ich habe großen Respekt vor diesen alten Handwerkern. Die haben teilweise teilweise Sachen gemacht, die die Fachleute heute mit all ihren technischen Möglichkeiten nicht mehr hinkriegen. Wir standen also zu dritt in der Werkstatt, und Andreas zeigte mir die alten Abkantbänke und Schlagscheren, die ihm das Herstellen der Chassis erleichtern. Es gab Werkzeuge, die selbst ich nicht auf den ersten Blick einordnen konnte. Ein Ding sah aus wie großes Hufeisen, mit einer Pressvorrichtung in der offenen Seite. Wir mussten fragen: „ Hermann, was ist das? Was kann man damit machen? Nieten oder so was?“ Antwort: „Noi, da kannsch Lechle mit mache“. Ganz klar, oder?

Es war herrlich. Eine alte Werkstatt, ein alter Meister, der sich darin auskennt, Werkzeuge zum Anfassen, dazu einen Butterbrezel. Ein Männertraum. 

 

Anker-Amp oder Lamp-Amp?

 

Ich muss nochmal auf die Custom-Amps zurückkommen. Zu meinem Besuch habe ich nämlich eine alte Ankerlaterne mitgebracht. Bei Gelegenheit erzähle ich euch gerne mal, was genau das ist und wie ich zu dem guten Stück gekommen bin.

Jedenfalls war Andreas schon die ganze Zeit immer wieder dabei, die Laterne zu befummeln und sagte ein ums andere Mal voller Vorfreude: „Ich ahne schon, was das werden soll“. Als ich bestätigte, dass wir daraus einen schicken Röhren-Amp bauen wollen, war er gleich Feuer und Flamme. Hermann war sich nicht so sicher. „Da nei?“ Schwoab halt. Aber dann konstruierten wir zu dritt im Geiste einen Super-Amp. „Da kannsch hier nei, und mit der Schere, und mit dem Bohrer, und dann hier a Blechle...“

Nachdem wir eine Weile so konstruiert und geplant hatten waren wir uns einig: Das machen wir. Das wird ein schönes Projekt. Bloß einen Namen brauchen wir dafür noch. Anker-Amp? Lamperetta? Lamp-Amp? Mal sehen. Es wird uns schon etwas einfallen. Ich werde euch zu gegebener Zeit alles über den Amp und seine Entstehung berichten. 

 

Nach fast vier Stunden interessanten und kurzweiligen Klönschnacks im Verstärker-Kaufhaus Felleretta gab Andreas auch noch eine seiner Vorlieben bei Verstärkern preis: „Ein guter Grundsound, der nicht einbricht, und nicht zu viele Regelmöglichkeiten. Das ist das Beste:“

Da kann ich ihm nur zustimmen.

 

Ich danke euch fürs Lesen und hoffe, ihr hattet Spaß dabei.

Euer Jansson

 

PS: Wie wäre es mit Ankeretta?