Stuhlsturz

von Jansson Eigenbrodt

 

 

 

 

 

Über Bürostühle gibt es nicht viel zu berichten. Sie sind nützlich, unentbehrlich und zu praktisch um wirklich schön zu sein. Man benutzt sie, und wenn man nach der Arbeit das Büro verlässt kann es sein, dass man sich nicht mal mehr an die Farbe des Stuhles erinnert, auf dem man den ganzen Tag gesessen hat. Bürostühle sind eben einfach da. Wie Zebrastreifen, Duschvorleger oder Zahnarzthelferinnen. In Geschichten werden Bürostühle fast nie erwähnt.

Einen erwähnenswerten Bürostuhl hatte Harald Persson an seinem Arbeitsplatz. Es war Modell Gernot, Chefsessel, Velours mit Armlehnen, Größe L. Dunkelgrauer Bezug, die Rückenlehne so hoch, dass er bequem den Kopf anlehnen konnte. Armlehnen aus Holzimitat. Diesen Stuhl hatte Harald damals als Anerkennung für „10 Jahre im Hause Swensson-und-Swensson“ bekommen. Mit einer kleinen Ansprache wurde Harald von seinem Chef als „hervorragender Mitarbeiter, der sich in den letzten 10 Jahren durch außergewöhnliche Hingabe in der Firma verdient gemacht hat“ gewürdigt. Die Erwähnung der außergewöhnlichen Hingabe war vielen Kollegen Anlass zu zweideutigen Witzchen, aber Harald war über jeden Scherz erhaben, er hatte den Stuhl. Seinen Stuhl. „Haralds Stuhl“ wurde bei Swensson-und-Swensson zum geflügelten Wort und gab ebenfalls Anlass zu derben Zoten.

Der Stuhl war im Laufe der Jahre schon ein wenig verschlissen, und einige Funktionen wie zum Beispiel das Verstellen der Armlehnen aus Holzimitat waren dem harten Büroalltag zum Opfer gefallen. Nie hätte Harald jedoch seinen Stuhl gegen ein neueres Modell eingetauscht, denn seines bot ihm, im Gegensatz zu allen anderen, eine saubequeme Position für den täglichen Mittagsschlaf am Schreibtisch. Den Stuhl ganz heruntergefahren und die Rückenlehne so weit wie möglich nach hinten gekippt, dem Liegen näher als dem Sitzen, verschlief Harald täglich die Mittagspause. „Angemessen und wohlverdient“ meinte er.

Das Problem war nur, aus dieser Position wieder aufzustehen. Fast wie Kniebeugen; ist auch nicht Jedermanns Sache.

Im Laufe von sechs Jahren hatte Harald noch keine Methode gefunden, mit der er sich sicher, ohne Schäden zu verursachen oder Schmerzen zu erleiden, aufrichten konnte. Ratschläge von Kollegen gab es genug, waren aber nicht hilfreich.

Mit seinen Rollen war der Stuhl als Stütze ungeeignet. Das hatte Harald bei dem Versuch erfahren, sich beim Aufstehen mit den Ellenbogen auf den Armlehnen abzustützen. Als er seinen Hintern auf halbe Höhe zwischen Lümmeln und Stehen gehievt hatte war der Stuhl nach hinten weggerollt und Harald war zur Gaudi aller Anwesenden auf dem Bürofußboden gelandet.

Er hatte auch schon versucht, seinen Oberkörper nach vorne zu wuchten. Dann würde er wenigstens schon mal aufrecht sitzen, hatte er gedacht, doch auch dieser Versuch scheiterte. Harald hatte sich kraftvoll nach vorne geworfen, und da er mehr den Hintern nach hinten als den Oberkörper nach oben schleuderte, verlagerte er seine Position ungünstig weit an den Rand der Sitzfläche, der Stuhl kippte nach vorn, Harald hatte sich selbst abgeworfen.

Mit der Nummer war Harald im Haus bekannt. Es gab Kollegen, die nach der Mittagspause in seiner Nähe herumlungerten, nur um das Rodeo nach der Mittagspause nicht zu verpassen. Mit rustikalem Bürohumor wurde diese Pilgerreise zu dem Tollpatsch „Haralds Stuhlgang“ genannt.

Ein Kollege hatte mal, als Harald gerade sehr entspannt lümmelte, laut gerufen: “Chef kommt!“. Mit Armen und Beinen um sich schlagend wedelte Harald sich in aufrechte Sitzhaltung, wobei er der Praktikantin ihren „I-like-Hamburg“ -Becher aus der Hand trat und den dampfenden Inhalt der Tasse gleichmäßig im Kopierer und auf seiner Hose verteilte. Die Schmerzen, die ihm wegen den hektischen Bewegungen in den Rücken gefahren waren, und die sich in seinem Schritt mit dem heißen Kaffee ausbreiteten, raubten ihm den Atem. Die Kollegen wollten gar nicht mehr gehen und imitierten seine Bewegungen wieder und wieder und nannten ihn den heißen Harald.

Vor einigen Wochen versuchte Harald, noch liegend mitsamt Stuhl zum Waschbecken in der Ecke des Büros zu rollern und sich dann daran hoch zu ziehen. Die Befestigung des Waschbeckens an der Wand wäre in Haralds Plan die eine Schwachstelle gewesen, allerdings kam er so weit gar nicht.

Harald rollte rückwärts dem Waschbecken entgegen. Das ging ein wenig auf die Oberschenkel, aber es war ja nicht weit. Er stieß sich kräftig am Boden ab. Die Richtung stimmte. Ein paar Meter noch.

Die Monteure vom Vormittag hatten das doppelseitige Klebeband einfach vergessen. Es klebte ungefähr 1,57 Meter vor dem Waschbecken auf dem Fußboden.

Noch eine Schwachstelle. Konnte niemand ahnen.

Die Stuhlrollen klebten am Klebebeand fest. Haralds Schwung wurde jäh gebremst. Er landete kurz vor dem Waschbecken hart auf dem Rücken. Sein Hinterkopf prallte auf den Fußboden. Die Kollegen brüllten vor Vergnügen. Sie malten sich wochenlang lautstark aus, was passiert wäre, wenn Harald das Waschbecken erreicht hätte. Vermutlich war das Klebeband eine Art kleineres Übel.

Die Zeit der Bürostühle ist bei Swensson-und-Swensson abgelaufen. Seit einer Woche gibt es für die Angestellten Sitzbälle. Über Sitzbälle gibt es noch weniger zu berichten als über Bürostühle. Man müsste herausfinden, wie Harald jetzt seinen Mittagsschlaf macht. Das allerdings wäre dann der Stoff für eine weitere Harald-Geschichte.