Kaufrausch im Bestattungsinstitut

 von Jansson Eigenbrodt

 

 

 

Regen prasselte auf den Asphalt. Angeschwemmtes Laub begann die Gullies zu verstopfen. Wer jetzt noch unterwegs war suchte eilig Unterschlupf in den Läden, die dicht gedrängt die Straße säumten.

Auch Harald und Edith flüchteten rasch in das erstbeste Geschäft. „Merkwürdig“ dachte Harald. Edith tuffelte ihre Haare neben dem Ohr mit einer kurzen, nervösen Bewegung nach oben. Das war so ein Tick von ihr, sie machte das fast ständig. Auch, bevor sie ein Telefonat annahm oder wenn sie die Toilette verließ. Der Raum, den sie durch die milchige Glastür betreten hatten, war leer, bis auf einen großen Blumenkübel mit einem wartungsfreundlichen Gummibaum, dessen Blätter sich auf dem glänzend schwarz und weiß gefließten Fußboden spiegelten. Die Glocke der Tür gab dezent Signal, ein gepflegter Herr dienerte auf sie zu. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte. Schwarze Lackschuhe, deren Absätze laut auf dem Boden klackten. „Friedwald. Mein Beileid“ sagte der Herr, hingebungsvoll Haralds Hand haltend. Harald begriff: ein Bestatter. „Na“, dachte er, „Wenigstens keine Jacken oder Handtaschen. Oder Schuhe !“ Er nahm seiner Frau Kopftuch und Handtasche aus der Hand, damit sie sich beidhändig ihrer Frisur widmen konnte. Edith strich abwechselnd ihren Mantel glatt und tuffelte ihre Frisur.

Harald hätte beinahe laut gelacht, denn erst einen Tag zuvor hatte er in der Morgenzeitung gelesen, wie idyllisch und zugleich praktisch es doch sei, sich in einem sogenannten Friedwald bestatten zu lassen. Das machte Herrn Friedwalds Begrüßung zu einem echten Brüller, fand Harald.

Herr Friedwald führte seine Kundschaft in einen Nebenraum. Dort waren Särge ausgestellt, Blumengestecke und Kränze aus Plastik und Muster für Spruch-Bänder. Schärpen und Grabbeigaben buhlten auf Ständern, Haltern und Regalen um Beachtung. „Was darf ich für sie tun?“ begann Herr Friedwald das Gespräch. „Nur das Beste für die Verschiedenen von den Hinterbliebenen“ war sein Verkaufsmantra, das aber meistens versagte, weil der Satz für ein gutes Mantra viel zu lang war und überhaupt zu holprig auszusprechen. Er dachte, wer sogar bei einem solchen Unwetter sein Institut aufsuchte sei auch bereit, für die Bestattung eines zweifellos geliebten Verstorbenen tief in die Tasche zu greifen.

Ohne eine Antwort abzuwarten führte Herr Friedwald seine beiden Kunden zu einem ovalen Tisch, an dem sehr praktisch schon drei Stühle bereit standen. Genau genommen führte er nur Edith, denn die schien ihm zugänglicher. Ihr muffelig wirkender Gatte würde schon folgen. Elegant fürsorglich schob Herr Friedwald der Dame den Stuhl zurecht und berührte sie dabei sacht am Ellenbogen. Die richtige Dosis Nähe schafft Vertrauen, wusste er aus langer Erfahrung. Zu wenig, und sie erliegen ihrer Trauer; zu viel Nähe, und sie fühlen sich bedrängt. Und das in so schwerer Stunde. Der Bestatter war stolz auf sein großes Einfühlungsvermögen. Er bot der Dame ein Glas Wasser an, den Muffel brauchte er gar nicht zu fragen, tat es aber natürlich trotzdem. Harald und Edith hatten bisher außer „Danke“ noch nichts gesagt. Sie waren wohl noch benommen von dem Verlust, vermutete Herr Friedwald, der nun das volle Programm abspulte. Auf dem Tisch wurden Kataloge und Prospekte ausgebreitet, Muster von Stoffen und Farben wurden in verschiedenen Kombinationen zusammengehalten, Särge wurden geöffnet und befühlt, Puppen mit Sterbekleidern und –Anzügen wurden hereingerollt. Beleuchtung, Kerzen, sogar Orgelmusik. Es war herrlich. „Schauen sie sich alles in Ruhe an, über das Weitere reden wir dann später“ sagte Herr Friedwald galant. Edith war hin und weg. Sie meinte sogar, einen leicht salbungsvollen Duft wahrzunehmen.

Harald dachte:“ ein paar Blumen eben, und ein Kranz oder so“, aber weder seine Frau noch Herr Friedwald teilten seine anspruchslose Vorstellung von gelungener Deko, und so dauerte das Verkaufsgespräch schon bis in den späten Vormittag. Edith arrangierte, kombinierte, verschob und verwarf. Sie war im Shopping-Himmel. Und Herr Friedwald schwebte neben ihr auf Wolke Sieben und trieb seine Kundin zu immer gewagteren, bombastischeren und vor allem immer teureren Kombinationen edelster Bestattungsutensilien. „Das zieht sich“ dachte Harald.Mit einem genuschelten: „Ich bin mal eben für kleine Bestatter“ verschaffte er sich eine kurze Pause. Als er den Raum wieder betrat, liebkoste Edith gerade die Staffage eines aufgeklappten Sarges. Harald fragte sich, ob es Herrn Friedwald wohl gelingen könnte, Edith drei Särge pro Bestattung zu verkaufen. Vermutlich ja, die Puppen mit den Totenkleidern und dem ganzen Zubehör gleich dazu.

Draußen hatte der Regen aufgehört, Passanten in die Geschäfte zu treiben, Sonnenlicht glitzerte auf dem noch nassen Asphalt. Menschen kehrten zurück auf die Straße. Nach einem unauffälligen Blick durch die Plissees des Schaufensters wollte Harald gehen. Er war unentschlossen. Was nun? Herrn Friedwald einfach zu erschießen war verlockend aber zu drastisch. „Immerhin hat er ja schon alles parat…“ überlegte er und kicherte.

Also Angriff nach vorn. „Was würde uns denn diese Bestattung nun kosten? So Pi mal Daumen?“ fragte er brüsk und unterbrach damit rüde Herrn Friedwalds Ausführungen über die Vorzüge eines Sarges mit hydraulischem Dreifach-Deckel. Er wedelte wage mit dem Daumen und starrte den Bestatter angriffslustig an.

Der blinzelte irritiert.

Ein unerwarteter Stimmungswechsel. Er ahnte seinen Sturz aus Wolke Sieben bereits. Der lichternd verklärte Glanz verschwand aus Ediths Blick, als erwache sie aus einem romantischen Traum. Harald dachte, dass seine Frau bei ihrer Hochzeit damals genauso ausgesehen hatte, aber für solche Gedanken war jetzt keine Zeit.

„Hm?“ machte Harald zu seinem Gegenüber.

Herr Friedwald nannte einen Preis.

„Sie nehmen es ja von den Lebendigen“ polterte Harald.

„Plus Mehrwert“ wimmerte Friedwald.

„Die Kosten für so eine Bestattung bringen einen ja ins Grab“ schob Harald nach. Hocherhobenen Hauptes und offensichtlich empört schob er seine Frau in Richtung Glastür. Im Gehen gab er seiner Frau ihr Kopftuch zurück. Edith blieb kurz stehen, tuffelte ein wenig und knotete dann das Tuch resolut um ihren Kopf.

„Das war knapp“ dachte Harald als sie wieder auf der Straße standen. Edith sagte „Schatz, das nächste Mal nehmen wir aber einen Regenschirm mit. Egal, und wenn am Himmel nicht die kleinste Wolke zu sehen ist. Ich will nie wieder in so einen Laden müssen, nur weil es plötzlich regnet.“

„Ums Verrecken nicht“ bestätigte Harald und küsste seine Frau auf das feuchte Kopftuch.