Karma. Retten ist Ehrensache

 von Jansson Eigenbrodt

 

 

Seit Wochen schon goss Harald treusorgend jeden Tag alle Pflanzen in seinem großen Garten. Dabei sprach er aufmunternde Worte zu Blumen, deren Blätter trocken nach Flüssigkeit gierten und begrüßte freundlich neue Knospen und Blüten der Pflanzen, die sich von der Trockenheit nicht beirren ließen. Manchmal scheuchte er lachend eine seiner Katzen mit dem Wasserstrahl durch den Garten oder schüttelte aus seinem Latschen fluchend

einen Stein, der sich ihm schmerzhaft in die Fußsohle bohrte.

An diesem Morgen war Harald gerade mit seiner täglichen Gartenpflege fertig. Auf dem Grundstück gegenüber spielten drei kleine Kinder nackt in der Sonne, Harald hörte sie vor

Vergnügen kreischen. Die Kinder sahen Harald und flitzten über die Straße auf ihn zu. Ihre Füße patschten auf den heißen Asphalt und sie sahen zu, dass sie, barfuß und nackig, wie sie waren, den nächsten Schatten erreichten.

„Hallo Harald!“ quietschten sie. „Na, Kinder, habt ihr Spaß?“ antwortete Harald. „Ja“ sagte das kleinste Kind, ein kleiner, hellblonder Junge, wobei er wichtig die Hände in die Hüfte stemmte und zu Harald aufsah. „Wir sind nackt!“ verkündete er. „Ach was“ sagte Harald. „Mach´s gut“ riefen die Kinder und verschwanden wieder in ihrem Garten.

Plötzlich hörte Harald merkwürdige Geräusche aus dem Nachbargarten. Dort wohnten Alfons

Seidlmaker und seine Frau. Sie hieß nur Frau Seidlmaker. Beide waren gesundheitlich schon sehr ramponiert. Alfons wurde von den Folgen eines schweren Schlaganfalls zunehmend in Verwirrung gestürzt, Frau Seidlmaker hatte wegen ihrer Diabetes große Teile beider Füße verloren, deren Reste nun in Stützstiefeln steckten, die ihr wenigstens ein halbwegs aufrechtes Gehen erlaubten. Alfons machte nicht viel Anderes, als in viel zu weiten Unterhosen unverständliche Dinge im Garten zu basteln, während Frau Seidlmaker es sich nicht nehmen ließ, ihre Beete und Blumeninseln eigenhändig zu versorgen, als hinge ihr eigenes Laben davon ab. Das kam der Wahrheit wahrscheinlich sehr nahe, vermutete Harald, der als guter Nachbar stets einen Blick in den Seidlmakerschen Garten warf, wenn Frau Seidlmaker auf allen Vieren durch ihre Rabatten kroch. Er hoffte dabei immer, dass er die alte Frau nicht von der Hitze niedergestreckt zwischen den Himbeeren finden würde.

 

Heute jedoch war es offensichtlich soweit. Ein Notfall, denn die Geräusche, die Harald

hörte, glichen einem würgenden Stöhnen, gemischt mit wütendem Pöbeln und

angstvollem Klagen. Die Lage, in der Harald seine Nachbarn nun vorfand, war prekär

und er musste das Bild, das sich ihm bot, erst einmal sortieren. Frau Seidlmaker stand vor einem wackeligen Gartenstuhl aus Plastik, das Gesicht tief auf die Sitzfläche gepresst. Die Hände hatte sie auf die Lehnen gestützt, und sie versuchte, sich an dem Stuhl aufzurichten. Dafür reichte aber ihre Kraft bei Weitem nicht. Wegen der Stützschuhe war es ihr nicht möglich, die Knie zu beugen. So stand sie, den Kopf weit nach unten, mit ausgestreckten Beinen vor dem Stuhl, der sich mal in diese, mal in jene Richtung bog. Der arme Alfons

versuchte hilflos, den Stuhl zu halten, aber tatsächlich hielt er sich eher selbst an dem Stuhl aufrecht. Er sagte immer wieder nuschelnd: „Du musst hochkommen“. Sie schrie:“ Ich will ja!“

Ihr Kopf war schon ganz rot, und Harald hatte das Gefühl, die alte Frau würde in dieser Position nicht mehr lange durchhalten.

Harald trat zu den beiden Leuten und sagte laut: “Hallo Frau Seidlmaker, ich bin es, ihr Nachbar. Wie kann ich ihnen helfen?“ Dabei fürchtete er sich ein wenig vor der Frau, denn sie hatte meistens ein grimmiges Gesicht und ein wahrhaft bärbeißiges Naturell. Nun aber schien sie doch erleichtert, dass Hilfe gekommen war.

„Zieh mich am Hosenbund hoch“ sagte sie, aber sie trug eine ausgeleierte, alte Jogginghose.

Harald sagte: “ Naja, Frau Seidlmaker, das hat aber mit dieser Hose wenig Sinn“. „Dann pack mich am Arsch und schieb mich hoch!“ blaffte sie. Harald sagte: „Aber, Frau Seidlmaker, ihr Arsch ist ja schon ganz oben. Wo soll ich den denn noch hinschieben?“ Die Alte stöhnte nur schmerzgeplagt. Sie schien allmählich in Panik zu geraten. „Jetzt ist Eile geboten“ dachte Harald. Er war die Ruhe in Person und fühlte sich absolut Herr der Lage. Er fasste Alfons fest am Arm und bat ihn, einen zweiten Stuhl zu holen. Nur drei Meter entfernt stand ja einer. Der arme Alfons war froh, eine Aufgabe zu haben, die er bewältigen konnte.

Dann sagte Harald: „So, Frau Seidlmaker, genau hinter ihnen steht jetzt ein Stuhl. Darf ich sie an den Schultern anfassen und da hineinziehen?“ Er wollte die Alte nicht ungefragt anfassen, denn er wusste, dass sie auf Hilfe oft sehr gereizt reagierte. Wer wusste schon, was Anfassen erst für Folgen haben könnte?

Harald bekam die Erlaubnis und packte die Seidlmaker an den Schultern. Dabei spürte er die

Gelenke knirschen und reiben. Er hoffte einfach, keinen Schaden anzurichten. Dann zog er die alte Frau nach hinten. Genau genommen kippte er sie nach hinten, denn sie war in der Hüfte und in den Knien vollkommen steif. Als Harald sie auf den Stuhl setzte, der hinter ihr stand, waren ihre Beine noch immer ausgestreckt. Aber sie saß nun aufrecht, das Blut wich allmählich aus ihrem Kopf, ihr Gesicht bekam wieder seine natürlich gelbliche Farbe.

„Soweit, so gut“ sagte Harald. „Jetzt müssen wir sie nur noch aus der Sonne in den Schatten

kriegen. Soll ich sie stützen?“ „Nein, sagte Frau Seidlmaker, „Das muss so gehen“. „Na, dann ist ja alles wieder in Butter“ dachte Harald.

Alfons hatte es inzwischen geschafft, eine Flasche Wasser zu holen, und tatsächlich rappelte

sich die Frau aus dem Stuhl auf und ging selbstständig, Haralds Hilfe strikt ablehnend, die paar Meter in den Schatten und setzte sich an den Gartentisch. Harald war hin- und hergerissen zwischen Angst und Bewunderung. Er war froh, dass die Sonne so hell schien. Wer weiß, in was sich die zähe Alte in der Dunkelheit verwandelt.

„Danke, sie haben mir das Leben gerettet“ sagte Frau Seidlmaker. „Wenn sie mal einen Stein

im Garten finden, wissen sie, von wem der kommt.“

Das mit dem Stein wäre nicht nötig, antwortete Harald. Retten ist Ehrensache.

Und es ist gut für´s Karma. Das sagte er aber nicht laut, denn er wusste nicht, ob Karma für

die alte Frau vielleicht ein böses Wort ist.