Beckenbodengymnastik

von Jansson Eigenbrodt

 

 

 

„Hier“ sagte Edith und wedelte mit der Zeitung vor Haralds Nase. Harald wich einen Schritt zurück. „Das ist es!“ Edith war aufgeregt. „Schnupperkurs Beckenbodengymnastik – Für den reifen Herren ab 50. Das bist du ja fast. Fünfzig. Das musst du unbedingt machen, sonst wirst du später impotent.“ Harald wurde blass. „Ja, wirklich. Dann musst du die ganze Zeit Wasser lassen und kannst es nicht mehr halten. Ich mach dir Windeln dann nicht, das sag´ ich dir.“ Harald verkniff sich einen Kommentar. Fremdwörter waren nicht Ediths Stärke. „Du solltest wirklich mal etwas für dich tun.“ Edith gab nicht auf. „Und angemeldet habe ich dich auch schon.“ „Toll“ sagte Harald.

Am Samstagmorgen traf sich Harald mit Hartmut, seinem Nachbarn und Freund, im Sportstudio. Heidrun, Hartmuts geliebtes Weib seit über 20 Jahren, und Edith, zogen gemeinsam am selben Strang, entschlossen, ihren Gatten in Sachen körperliche Ertüchtigung auf die Sprünge zu helfen. Harald und Hartmut waren mit Sport lieber vorsichtig.

Harald verkündete gerne lautstark, er mache oft Bauch, Beine, Po, und Bauch hätte er schon. Dabei drückte er sich die Finger in den vorgereckten, etwas untertrainierten Wanst. Edith war das immer peinlich.

Hartmuts Sport bestand hauptsächlich aus Fußball, in der Regel vor dem Fernseher. „Ausschließlich vor dem Fernseher“ meinte Heidrun.

Der Kursus fand im Obergeschoss des Sportstudios statt. Durch mehrere Dachfenster floss Sonnenlicht in den großen Raum, ein riesiger Fikus und einige Yukkas verdeckten die hintere Giebelwand, an der vorderen hingen Plakate mit jungen, sportlichen Menschen, die die Energiedrinks für die sie warben mit Sicherheit nicht benötigten. Auf dem dunkelbraunen Filzboden waren bunte Gymnastikmatten ausgelegt. Harald, Hartmut und drei weitere Herren verteilten sich zögernd auf den Matten, wobei peinlichst den größtmöglichen Abstand zueinander hielten. Harald kannte die drei anderen vom Sehen. Einer, Klaus-Peter oder Hans-Peter, er wusste es nicht mehr genau, wohnte alleine in der Dachwohnung des Hochhauses am Bahnhof. Ob der etwa freiwillig hier war? Oder ob der vielleicht, er hatte ja keine Frau, ob der vielleicht auf Männer…? Harald rutschte mit seiner Gymnastikmatte ein Stück von Hans-Klaus-Peter weg und damit näher an Hartmut heran. Der grinste anzüglich. Haralds Gesicht glühte. Edith immer mit ihren Superideen!

Die fünf reifen Herren ab 50 warteten auf den Beginn des Kurses. Harald döste vor sich hin. Er fuhr erschrocken zusammen als die Tür aufging und die Trainerin forsch den Raum betrat. Sie war drall, Mitte 50, graues, kurzes Haar, randlose Brille. Weiße, sportliche Hose und dunkelblaues Sweatshirt.

„Guten Tag die Herren“ Sie wirkte sehr resolut. „Mein Name ist Müller-Landruth, aber meine Freundinnen nennen mich ML. Wie Mona Lisa.“ Mona Lisa wäre Harald nicht eingefallen. „Eher wie eine Krankenschwester“ dachte er beklommen.

„Die Beckenbodengymnastik“ Müller-Landruth hatte die Hände hinter ihrem Rücken verschränkt und wippte auf den Fußballen vor und zurück, „Die Beckenbodengymnastik ist eine der effektivsten und einfachsten Präventivmaßnahmen gegen Beschwerden bei Prostatavergrößerung. Nicht gegen die Vergrößerung, dagegen können sie nichts machen, meine Herren, aber wenn sie erst mal kein Wasser mehr lassen können, meine Herren, dann werden sie froh sein, heute schon ihren Beckenboden trainiert zu haben.“ Hatte die sich mit Edith abgesprochen? Harald hatte jetzt schon schlechte Laune. Er machte leise Pfft-Laute.

Müller-Landruth erklärte, dass der sogenannte Beckenboden aus drei gekreuzten Muskelschichten bestehe, dass man diese einzeln trainieren müsse und dass die Schichten unterschiedlich schwer zu erreichen sein. Harald lag auf dem Rücken und starrte durch das Dachfenster in den strahlend blauen Himmel. Er war eingenickt, während MLs Ausführungen ihn träge umwaberten. „Sport ist doch ganz nett“ dachte er gerade, als die plötzlich wieder barsche Stimme die Herren aufforderte, auf den Sitzbällen Platz zu nehmen.

Die Männer rappelten sich auf. Harald brauchte am längsten, weil er sich erst auf den Bauch wälzte und sich dann, Arme und Beine in steter Abwechslung nutzend, hoch stemmte, bis er endlich, die Hände auf die Knie gestützt, vorn über gebeugt stand.

Hartmut, der schon längst aufrecht stand, bewunderte Harald für seine Zeremonie und nickte ihm anerkennend zu. „Sehr elegant, der Herr, und so gut für den Rücken“ bemerkte Müller-Landruth. „Blöde Kuh!“ dachte Harald.

„Um die erste Lage der Beckenbodenmuskulatur zu trainieren setzen wir uns aufrecht auf die Sitzbälle und stellen uns vor, wir würden Wasser lassen“ kommandierte ML. „Aber nur vorstellen!“ ergänzte sie. Frau Müller-Landruth machte zur rechten Zeit gerne mal einen kleinen Scherz.

Hans-Klaus-Peter, der auf seinem Sitzball rechts neben Harald saß, guckte ratlos in die Runde und fragte:“Wie jetzt? Im Sitzen?“ „Doch nicht schwul“ dachte Harald entspannte sich. Er erinnerte sich auch wieder, dass der Mann Alf-Dieter hieß und bei der Ortsfeuerwehr arbeitete.

Die Männer gackerten albern und traten die Frage breit, bis ihr auch der letzte Rest Witz ausgepresst war. Müller-Landruth wartete ab bis alle sich wieder beruhigt hatten. Sie war froh, normalerweise nur Frauen zu trainieren.

Die Herren stellten sich gemeinsam vor, sie würden im Wechsel Wasser lassen und unterbrechen. ML gab die Kommandos. „Wir lassen lauuufen, und wir unterbreeeechen“ Haralds Gedanken machten sich selbstständig: ML hat ein derbes Kinn. Laufen lassen, unterbrechen. Mona Lisa ist fad. Müller-Landruth ist barsch. Sport ist scheiße.

„So, meine Herren!“ unterbrach ML seinen Gedankenfluss. „Nachdem wir nun gelernt haben, im Sitzen zu pinkeln (nach den pubertären Scherzen der Männer hielt sie eine sorgfältige Wortwahl für überflüssig) kommen wir nun zur nächsten Lage der Beckenbodenmuskulatur“. Die Männer grinsten und Alf-Dieter meinte, er würde das vielleicht zu Hause auch mal machen, das mit dem Sitzen.

Die nächste Übung sei wie angekündigt etwas schwieriger, sagte ML. „Wenn die Herren sich bitte wieder auf den Rücken legen wollen“ „Na endlich“ murmelte Harald. „Na so sehr wird sie das Sitzen doch nicht angestrengt haben, oder?“ ätzte ML.

Die folgende war die letzte Übung dieses Kurses. Weitere hatte ML geplant und vorbereitet, sie gingen jedoch unter in nicht enden wollendem Gealber und Gejohle der fünf reifen Herren ab 50.

Müller-Landruth gab Anweisungen, dass die Männer, immer noch auf dem Rücken liegend, ihre Füße vor ihrem Gesäß aufstellen und dann das Becken nach oben drücken sollten. Bis jetzt kein Problem. Harald streckte das Kreuz schön gerade durch war überrascht, dass das nicht so mühevoll war wie er gedacht hatte.

„Und jetzt spannen wir den Schließmuskel fest an!“ Kommandierte ML. Die Heiterkeit der reifen Herren nahm schon wieder zu und Harald musste seine Anstrengungen verdoppeln um das Kreuz trotz Kichern oben zu halten.

ML sagte:“Und jetzt entspannen wir den Schließmuskel und senken das Gesäß langsam bis fast auf den Boden. Wenn wir unten sind spannen wir den Schließmuskel wieder fest an!“

Harald war verwirrt. Zu viel Anweisungen auf einmal. Runter? Entspannen? Was zuerst? Alf-Dieters Hintern krachte auf die Matte. Hartmut lachte. Müller-Landruth hob die Stimme: „Meine Herren, bitte, so kompliziert ist das doch nicht. Stellen sie sich einfach vor, sie würden, sagen wir mal, Radieschen pflücken. Mit ihrem Schließmuskel. Auf und Ab…“ Was immer sie weiter sagte nahm keiner der Männer mehr wahr. Die Vorstellung, mit dem Schließmuskel Radieschen zu pflücken setzte sofort Phantasien frei, die die reifen Herren zu einem Verhalten trieben, das am freundlichsten als regressiv bezeichnen kann.

Der blonde Mann ganz hinten links bekam vor Lachen fast keine Luft und japste, wobei er sich den Bauch hielt. Alf-Dieter war bemüht, wenigstens die Übung zum Ende zu bringen. Außerdem hatte er Angst vor ML. Hartmut lachte und sagte: „Alfie, dir hängt da was Grünes…“ Dabei deutete er auf Alf-Dieters erhobenen Hintern.

Die fünf Männer waren außer Rand und Band. Müller-Landruth war sauer. „Meine Herren“ versuchte sie den Kursus zu retten, „ wenn ihnen Radieschen nicht zusagen, dann versuchen sie es doch mit Erdbeeren“.

Über weitere Scherze und Zoten der Herren wollen wir schweigen.

Frau Müller-Landruth beendete den Kursus verbittert und verließ den Raum grußlos.

Zu Hause empfing Edith ihren Gatten. „Hach, ich bin ja stolz auf dich, dass du das wirklich gemacht hast. Und jetzt geht es dir auch schon viel besser, oder Schatz?“

„Klar“ sagte Harald.