Man hatte ja so viel zum  G20 gelesen und gehört, dass man vor Empörung über die eine oder die andere Seite gar nicht mehr wusste, wie man sich der Sache entziehen konnte. ohne sich als meinungsloser Ignorant zu outen. Anfangs habe ich noch in einigen Facebook- Diskussionen mitgemischt, aber  mir geht das Gepöbel in solchen Runden echt auf den Sack. Also habe ich mich nicht mehr zu dem Thema geäußert.

Irgendwie bin ich auf den Beitrag von Ramon Kramer gestoßen. Wir kennen uns gar nicht, aber sein Beitrag hat mich beeindruckt. Es folgte eine Fortsetzung seines Textes, die mich dann richtig gefesselt hat. 

Ich habe Ramon angeschrieben und um Erlaubnis bebeten, seine Texte hier veröffentlichen zu dürfen, weil ich finde, dass die auf keinen Fall im ewigen Nichts des Facebook verschwinden sollten. 

Ramon hat mir freundlicher Weise eine Mail mit Bild und Texten geschickt. 

Hier ist der gesamte Inhalt der Mail, von mir völlig unbearbeitet.

 

Danke Ramon

 

G20-TICKER AUS DER WOHLWILLSTRASSE:

Einige Ausläufer der ersten Großdemo treffen sich am Paulinenplatz und vor meiner Haustür. Schwarz Vermummte reissen Strassen-Schilder und Steine aus der Strasse und werfen sie durch die Gegend, fliegen auch in Fenster ...

Die Polizei beobachtet, greift nicht ein. Vor ein paar Minuten ergriff eine "Hunderschaft" sogar die Flucht … Gäste des Kaffee Starks, die vorm Eingang stehen, brüllen: "Scheiß Bullen! Verpisst Euch !" Das tun sie. Aus gutem Grund. Ein grösserer 'Schwarzer Block' ist ihnen auf den Fersen.

Es herrscht blinde Aggression und Gewalt mit hoher Verletzungsgefahr – vor allem für die Polizei. Steine fliegen, die Sitzbänke meines "Italieners" (Ex-Rocco) wurden und werden zu Waffen umfunktioniert. Die Polizei zieht sich weiter hastig zurück. Einige schauen beim Wegrennen über die Schulter hinter sich, während ihnen Rauchbomben und Kanonenschläge hinterher geworfen werden. Mehrere Sprengkörper werden auch gezielt in die Toreinfahrt zum Haus des Hamburger Innensenators Grote geschmissen, der gegenüber von mir in einem Hinterhof wohnt. Die schmale Strasse verstärkt den Schall. Assoziationen von Anschlägen der IS, die ich zum Glück nur aus dem Fernsehen kenne. Nun bekomm auch ich Angst und schließe das Fenster meines "VIP-Platzes". Mein Herz pumpt. Ich trau mich kaum noch rauszuschauen und befürchte, dass das erst der Anfang war …

(Rmon Kramer, 06.07.17)

MY G20-DAY, NO. II

Offensichtlich hatte ich doch nicht nur Zigarettenholen wollen.

Ich stehe gegen 17 Uhr am 'Pferdemarkt' Ecke 'Neuer Kamp' und frage mich selbstkritisch, ob ich nicht auch einer dieser touristischen Krawall-Voyeuristen bin. Ich hab meinen Presseausweis nicht verlängern lassen. Aber vielleicht ist es trotzdem immernoch sowas wie jounalistische Neugier. Selbst-Trost. Ich will ja nicht verwechselt werden. Das ist meine Hood, ich wohne hier und beobachte jetzt wie Vermummte mit Flaschen, Steinen und Böllern die Polizei bewerfen, die wiederrum mit Wasserwerfern antworten. Parallel verfolge ich via Handy abwechselnd NTV und N24. Und während ich auf mein Display schaue, setzt sich die Menge aufeinmal in Bewegung. Jemand brüllt: "Es geht los. Es geht los!". Alles rennt. Ich mit. Nur weg. An der Polizeiabsperrung zur Stresemannstraße bleibe ich stehen. Keuch. Ich rauch zuviel.

Jetzt auf dem kürzesten Weg wieder nach Hause, ausgerechnet am 'Grünen Jäger' vorbei, wo kaum ein Durchkommen ist? Nein! Ich rede pädagogisch auf einen Polizisten ein, dass er mich doch bitte durchlassen möge, weil ich einfach Schiss hab. Er gibt nach eine Weile unter der Bedingung nach, dass ich dann aber auch wirklich nach Hause gehe. Und sollte er mich hier wieder antreffen, betont er nachdrücklich, dann würde er meine Personalien aufnehmen und mich gegebenenfalls in Gewahrsam nehmen. „OK, diesen Deal gehe ich ein!, versprech ich ihm. Ich will nur weg hier. Cirka 20 Leuten hatte er den Durchgang zuvor untersagt, abgesehen der Frauen, die mit kleinen Kinder unterwegs waren. Vielleicht akzeptiert er die "Extrawurst" auch deshalb, weil er mir meine Verstörtheit ansieht und ich ausnahmsweise keine schwarzen Klamotten trage, was eine bewusste Entscheidung gewesen war. Ich bedanke mich ehrlich, ignoriere aber die Anweisung und lande auf der Reeperbahn.

Von einer improvisierten Open-Air-Bühne aus mischen sich die Bässe einer Hip-Hop-Band mit dem Dröhnen zweier Überwachungs-Helis. Sound ist mein Ding und ich denke an Stanley Kubrick. Oder war es Oliver Stone? Egal. Die Situation ist bizarr und besorgniserregend – und gleichermassen faszinierend. Doch ein Voyerist?

Ich scheiss auf meine Selbstkritik und latsche Richtung Hafen an diversen "Hunderschaften" vorbei – und an drei Nutten in der Davidstraße. Die Einzigen weit und breit.

"Eye, willst Du nicht mitkommen? Du könntest uns den Arsch retten!"

Normalerweise zerren sie an einem.

"Mit 90,-- Euro bist Du dabei, Süßer!".

Ich bedanke mich und wünsche ihnen viel Glück. Das "Publikum" hier macht nicht den Eindruck, als hätten die Damen heute noch Erfolg.

Hunderte peacige Fahrrad-Demonstranten radeln durch die Erichstraße. Ein paar Punks klatschen sich mit ihnen ab. Es wird gelächelt, auch der Abgerockte im Billy-Idol-Look mit Cajon unterm Arm. Unten am Hafen machen sogar einige Polizisten eine kleine La-Ola-Welle, als die "G20-Radler" an ihnen vorbeifahren. Ein tolles Bild, das aber wohl keine Quote bringt. Und ich hab noch immer keine Zigaretten. Mein Portemonnaie ist leer und die Geldautomaten aufm Kiez sind "Ausser Betrieb".

In der Schanze scheint die Situation inzwischen zu Eskalieren.

Ich denke an den Polizisten, der mich an der "Strese" durch die Absperrung hat gehen lassen.

In meinen Zwanzigern wäre ich noch nicht einmal bereit gewesen, mich auf einer Demo mit einem Gesetzeshüter zu unterhalten, geschweige denn an einen zu denken, der damit rechnen muss, "beschossen" zu werden. Er hatte versucht, mich zu beruhigen und sagte, dass eigentlich noch nicht wirklich etwas los sei. Ich hatte das völlig anders empfunden. Die aktuellen Bilder bestätigen mich.

In einem Schaufenster hängt ein Gross-Bildschirm. Heimatfernsehen 'live aus der Schanze': Explosionen, Feuer … Zwei Frauen neben mir halten sich nachdenklich die Hände vors Gesicht. Zwei schwarze Kaputzenjacken-Träger lächeln, was ich als höhnisch interpretiere.

Ich telefoniere mit einem Freund, der im Auftrag eines TV-Senders als investigativer Journalist unterwegs ist.

"Wir machen gerade Pause. Sitzen in der Hotelbar. Komm rum!"

"Ja, gern. Ich muss reden und hab Fragen!"

Wir sitzen im 20sten Stock. Ein traumhafter Ausblick. Eine "Ode an die Freude", wenn da nicht die vielen blauen Lichter auf der Elbe wären, die den Wasserzugang zur Elbphilharminie bewachen, wo die „Gipf’ler“ gerade Beethoven lauschen. Ich bin total aufgelöst und werde von meinem Kumpel darum gebeten, nicht ganz so laut zu reden. Er hat recht.

"Kann ich auch mit Karte zahlen?", frage ich den Kellner, "Dann bringen sie mir doch bitte den dunkelsten Rotwein mit den meisten Umdrehungen!"

"Ja, das können Sie, ab € 25,--!"

"Kein Thema, die Runde geht auf mich!"

"Was hast Du gesehen? … Warum ausgerechnet Hamburg? … Wie schätzt Du die Situation ein?… Hätte man diese Eskalationen vermeiden können? … Sollten Grote und Scholz jetzt abtreten, wie einige fordern? … Ach, und überhaupt, wie geht es Dir?" …

Fragen über Fragen – kreuz und quer …

Der Rotwein wirkt. Und auch die sehr ruhigen Antworten meines Kumpels, dem vor einer Woche noch die Kugeln im Irak um die Ohren geflogen sind, haben eine gute Baldrian-Wirkung.

Während wir reden und via Twitter verfolgen, dass gerade ein Drogeriemarkt in der Schanze geplündert wird, ziehe ich meine Schlüsse:

Auch ich bin so emotionalisiert, dass ich unbedingt aufpassen muss keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Dass mein Wunsch nach Lösungen nicht dazu führen darf, zu schnelle Urteile zu fällen. Dass ich mich und das was ich sehe immer wieder hinterfragen muss. Dass ich mich wie ein Talkshow-Politiker fühle, weil ich versuche, das Wort "Besonnenheit" zu meinem Credo zu machen! …

Auf dem Weg nach Hause werde ich an der Wohlwillstrasse von Polizisten nach meinem Ausweis gefragt. Das Haus von Innensenator Grote, der mein Nachbar ist, wird von einer "Hunderschaft" bewacht. Nach den gestrigen Ausschreitungen nachvollziehbar. Ob der überhaupt zuhause ist?

Das wüsste er nicht, zuckt der Polizist mit den Schultern, und es entsteht ein Gespräch. Er sei heute Morgen aus Hessen hierher berufen worden und inzwischen seit etwa 14 Stunden im Einsatz.

In den blauen Kombis vor meiner Haustür sitzen einige seiner Kollegen in voller Montur, die bereits eingenickt sind. Einige andere trinken Kaffee aus Plastikbechern.

"Wenn wir Feierabend haben, sollen wir angeblich zum Pennen in irgendwelche Container gebracht werden. Niemand weiß wann!", schmunzelt er und klappt das Visier seines Helmes hoch.

Er schenkt mir eine Zigarette – meine erste seit Stunden, und wir hoffen beide, dass heute nichts mehr passiert …

(Ramon Kramer, 08.07.2017)